Kapitale Wahrheit

Der reine Wahlsinn

"Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen"
Wider die Diktatur des Prekariats



Die Nerven des Vizekanzlers und Arbeitsministers liegen blank, schreibt Friedhelm Hengsbach in der Frankfurter Rundschau.[1] Sonst hätte Franz Müntefering in der SPD-Fraktionssitzung nicht zur Bibel gegriffen und aus dem zweiten Thessalonicherbrief zitiert, "dass einer, der nicht arbeiten will, auch nicht essen soll". Die ZEIT[2] spricht davon, der SPD-Linke Ottmar Schreinerhabe mit einer vernichtenden Kritik an dem zentralen Reformwerk der Schröder-Regierung den Genossen Minister so erzürnt, dass er ihn als "Obermoralisierer" abkanzelte und das Hartz-IV-Optimierungsgesetz mit einem Satz von August Bebel, dem bibelfesten Urvater der Sozialdemokraten, begründete: "Nur wer arbeitet, soll auch essen."

Der Satz, der die Emotionen in der Fraktion hochkochen ließ und "in Anbetracht von fünf Millionen Arbeitslosen" als "zumindest äußerst mißverständlich" betrachtet wurde, war allerdings kein Ausrutscher in der Hitze der Debatte. Im ZDF-Sommerinterview mit Pater Hahne am 24.07.2005 hatte der damilige SPD-Vorsitzende Müntefering gesagt:
Es gab einen ganz alten Spruch in der Sozialdemokratie: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen". Das traut man sich heute gar nicht mehr zu sagen. Aber das war sozialdemokratisches Denken. Die haben gewusst: Jeder muss sich anstrengen, jeder muss seinen Teil dazu beitragen.
Die Zeiten haben sich geändert: Jetzt traut man es sich wieder. Allerdings in neosozialdemokratischer Form, die Tradition den modernen Erfordernissen des 21. Jahrhunderst angepasst.

Lieber müßige Tätigkeit als tätige Muße
August Bebel hatte das 1879 in dem Klassiker "Die Frau und der Sozialismus" noch ein wenig anders, weniger modern formuliert. Im einundzwanzigsten Kapitel mit der Überschrift "Grundgesetze der sozialistischen Gesellschaft" heißt es unter dem ersten Abscnitt "Heranziehung aller Arbeitsfähigen zur Arbeit":
Sobald die Gesellschaft im Besitz aller Arbeitsmittel sich befindet, wird die Arbeitspflicht aller Arbeitsfähigen, ohne Unterschied des Geschlechts, Grundgesetz der sozialisierten Gesellschaft. Die Gesellschaft kann ohne Arbeit nicht existieren. Sie hat also das Recht zu fordern, daß jeder, der seine Bedürfnisse befriedigen will, auch nach Maßgabe seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten an der Herstellung der Gegenstände zur Befriedigung der Bedürfnisse aller tätig ist. Die alberne Behauptung, die Sozialisten wollten die Arbeit abschaffen, ist ein Widersinn sondergleichen. Nichtarbeiter, Faulenzer gibt es nur in der bürgerlichen Welt.
Und dann kommt der vielzitierte, aber aus dem Zusammenhang gerissene Satz:
Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Aber die Arbeit soll auch nützliche, produktive Tätigkeit sein. Die neue Gesellschaft wird also verlangen, daß jeder eine bestimmte industrielle, gewerbliche, ackerbauliche oder sonstige nützliche Tätigkeit ergreift, durch die er eine bestimmte Arbeitsleistung für die Befriedigung vorhandener Bedürfnisse vollzieht. Ohne Arbeit kein Genuß, keine Arbeit ohne Genuß.
Das klingt dann doch zu revolutionär, um sich daran heute noch zu erinnern. Da beauftragt man lieber den "Fallmanager" in der "Agentur für Arbeit" mit der "Verfolgungsbetreuung" und motivierenden "Eingliederungsvereinbarungen". Sonst könnte noch jemand auf den frevelhaften Gedanken kommen, dass tätige Muße einer müßigen Tätigkeit vorzuziehen sei. Und Bebels Randbedingungen der Arbeitspflicht unterschlägt man besser auch:
Indem alle verpflichtet sind zu arbeiten, haben alle das gleiche Interesse, drei Bedingungen bei der Arbeit erfüllt zu sehen. Erstens, daß die Arbeit im Zeitmaß mäßig sei und keinen überanstrengt; zweitens, daß sie möglichst angenehm ist und Abwechslung bietet; drittens, daß sie möglichst ergiebig ist, weil davon das Maß der Arbeitszeit und das Maß der Genüsse abhängt.
Diese drei Bedingungen, weiß Bebel, hängen aber wieder von der "Art und Menge der zur Verfügung stehenden Arbeitsmittel und Arbeitskräfte" ab und von den "Ansprüchen, welche die Gesellschaft an ihre Lebenshaltung stellt".
Die sozialistische Gesellschaft bildet sich nicht, um proletarisch zu leben, sondern um die proletarische Lebensweise der großen Mehrzahl der Menschen abzuschaffen.
Das ist in der modernen Sichtweise der gesellschaftlichen Transformation im Zeitalter der Globalisierung, nicht zuletzt dank der tatkräftigen Mithilfe der neuen Sozialdemokratie unter Schröder und Müntefering, ja auch gelungen: Das Proletariat gibt es nicht mehr, es hat sich aufgelöst in das abgehängte Prekariat. Die von Bebel gestellte Frage: "Wie hoch wird die Gesellschaft ihre Ansprüche stellen?" wird heute durch ein "Gesetz zur Fortentwicklung der Grundsicherung für Arbeitssuchende" großkoalitionär beantwortet. Beck to the roots!

Oder mit den Worten Friedhelm Hengsbachs, Leiter des Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik: "Die große Koalition korrigiert die fehlerhaften Diagnosen und Therapien nicht: Sie macht die Arbeitslosen für nicht vorhandene Arbeitsplätze verantwortlich." Die "Wichtigste, fundamentalste und komplexeste Sozialreform in der Geschichte der Bundesrepublik" (Schröder), eine "Zeitenwende auf dem Arbeitsmarkt" und "Mutter aller Reformen" (Clement) ist grandios gescheitert. Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, wird das eigene politische Versagen auf andere abgewälzt. In der Sprache der Politik: es wird "feinjustiert", um "Fehlentwicklungen", der sogar als "legaler Missbrauch" auftritt, zu bekämpfen, das "Anreizsystem" wird "optimiert", damit sich kein "Faulenzer" in der "Hängematte" ausruhen kann.

Müßiggang ist aller Laster Anfang
Das kann aber nur ein zaghafter Anfang sein, der bei weitem nicht ausreicht - wie die Ladesfürsten der Union umgehend angemahnt haben: "Da helfen keine kleinen Schritte mehr." (Edmund Stoiber) Da muss eine "Generalrevison" her. Volker Kauder, Fraktionschef der unionierten Christen im Bundestag, weist den rechten Weg: Null-Euro-Jobs. Zu den bereits beschlossenen Sanktionen gegen Arbeitsunwillige sagte er im ZDF: "Hartz IV bedeutet, dass wenn jemand diese Leistung bekommt, er völlig unabhängig von seiner Vor-Arbeit oder Ausbildung, die er hatte, jede Arbeit, jede zumutbare Arbeit annehmen muss." Und zwar ohne Aufschlag: "Die Notwendigkeit, den einen Euro zu zahlen, sehe ich nicht in jedem Fall. Wer Hartz IV bekommt, muss dafür etwas als Gegenleistung erbringen." (so Kauder in der SZ[3])

Dort hatte er auch vorgeschlagen: "Wir sollten uns alle darum bemühen, Begriffe zu verwenden, die jeder versteht." Deshalb nennt er auch seine "Null-Euro-Jobs" für alle Überflüssigen, für die es "keine regulären Jobs gibt", bei denen "dafür gesorgt" werden muss, dass sie "jeden Morgen aufstehen" und nicht nur "sinnlos herumgammeln", auch "gemeinnützige Tätigkeit" und nicht Zwangsarbeit - wie man früher unverständlich sagte.

Was das Arsenal der Leistungsanreize angeht, könnte man aus der Geschichte allerdings noch einiges lernen. In früheren Jahrhunderten hat man mit Hingabe den "Erzfeind Müßiggang", der bekanntlich aller Laster Anfang ist,unnachgiebig bekämpft.[4] "Arbeit ist die Mission des Menschen auf dieser Erde. Es kämpft sich ein Tag herauf, es wird ein Tag kommen, an dem der, welcher keine Arbeit hat, es nicht für geraten halten wird, sich in unserem Bereich des Sonnensystems zu zeigen, sondern sich anderwärts umsehen mag, ob irgendwo ein fauler Planet sei." (Thomas Carlyle, Arbeit und nicht verzweifeln, o.J., zitiert in [4])

Begleitmusik zum Gesellschaftstanz
Die "Qualitätspresse" intoniert dazu die schrille Begleitmusik und liefert den notwendigen Legitimitätsbeweis - nicht ohne die politischen Wegbereiter des neuen Realismus gleich mit auf die Anklagebank zu setzen. So leitartikelte die WELT[5] ("Warum soll ich für Sie bezahlen?") auf dem gewohnt hohen Niveau rechtsliberaler Argumentation:
Bisher funktionierte der Wohlfahrtsstaat deutscher Bauart nach dem Motto, mit dem naive Umweltschützer ihr Gewissen beruhigen: Der Strom kommt aus der Steckdose! Entsprechend nahmen die Sozialstaatsbürger ihre Zuwendungen in dem Glauben entgegen, das Geld komme vom Sozialamt. Eine wohltätige Illusion, denn sie verschaffte beides, ein gutes Gewissen und eine ungebrochene Anspruchsmentalität.
Dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit der Bewahrer der Sozialen Marktwirtschaft, der das Soziale ausgetrieben werden muss, um sie zu retten, kann der Gutmensch feststellen: "Diese Illusion bröckelt, und das ist gut so."
Durch die allgemeine Notlage der öffentlichen Finanzen sind die Empfänger staatlicher Wohltaten daran erinnert worden, daß das Geld nicht aus irgendwelchen anonymen Quellen strömt. Für die Seite der Geber gilt das natürlich auch: Auch sie hat die anhaltende Krise des Sozialstaats daran erinnert, daß sie und wie sie gemolken werden. Unter dieser Erkenntnis hat ihre Bereitschaft, auf dem Altar der Umverteilung ein Steueropfer nach dem anderen zu bringen, merklich gelitten.
Wenn wir einmal von der nebensächlichen Tatsache absehen, dass die "Notlage" durch massive Steuerentlastung der Spitzenverdiener und Unternehmen herbei geführt wurde, dass auf dem Altar der angebotsorientierten Umverteilung ein Steueropfer nach dem anderen der Wirtschaft zu Füßen gelegt wurde - auf dass sie Arbeitsplätze schaffen mögen, wenn man also davon absieht, dass die Welt hier speigel-verkehrt in den Focus gerät, dann ist es wirklich ein Ärgernis, "den Leuten einzuimpfen, daß es einen Rechtsanspruch auf alles mögliche gibt, auf Schultüten für die Kleinen und auf goldene Eheringe für die Großen", Ja, dass Ratgeber in der "Beraterliteratur der sozialen Anspruchsindustrie" sogar "zum Betrug förmlich anstiften":

"Sie müssen nicht wie eine Nonne oder ein Mönch leben. Ihr Freund/Ihre Freundin kann durchaus bei Ihnen zu Besuch sein und bei Ihnen übernachten. Das reicht für eine eheähnliche Gemeinschaft bei weitem noch nicht aus", zitiert der WELT-Verbesserer aus einer Broschüre, die die noch dazu die SPD-Fraktion vor ein paar Jahren zusammenstellen und verbreiten ließ,und fährt fort: "Heute bemühen sich dieselben Sozialstaatsindustriellen, die diesen Unfug in die Welt gesetzt haben, die Folgen ihrer Großmannssucht wieder einzufangen. Sie versuchen sich an der Lösung von Problemen, die wir ohne sie gar nicht hätten."

Also weg damit. Mit den "sozialen Rechten" und all jenen, die solchen Unfug propagieren. "Bürger auf die Barrikaden", forderte weiland schon der olle Bahring aus seinem staatlich alimentierten Lehrsessel ex cathedra in der FAZ. Da kann die WELT nicht abseits stehen und ruft zur Volksbefragung auf, Mann gegen Mann:
Wie immer sind die Finanziers des Ganzen - gewöhnliche, rechts- und gesetzestreue Steuer- und Beitragszahler - die Dummen. Damit sie das nicht ewig bleiben, sollten sie sich ein Herz fassen und es genauso machen wie die Gegenseite, die Anonymität also durchbrechen und ihre Klagen nicht länger ans System richten, sondern an Personen. Jeder von ihnen könnte und sollte jeden Arbeitslosen, jeden Rentner und jeden Studenten danach fragen, mit welchem Recht er davon ausgeht, daß er ihm den Lebensunterhalt, die Rente oder das Studium bezahlt. Das könnte etwas Licht ins Dunkel bringen.
Und im Lichte der erhelltenden Blitze eines WELT-Geistes sind natürlich dieselben Fragen auch an die Sozialpolitiker zu richten. Sie haben ja dafür gesorgt, "daß die Anspruchsberechtigten, die ihre Hand aufhalten, mittlerweile genauso kopfstark sind wie die Gruppe derer, die alle diese Hände füllen sollen." Das wächst sich zu einer bedrohlichen Notstandssituation aus, wenn "38 Millionen Erwerbstätigen rund 20 Millionen Rentnern, 8 Millionen Behinderten, 6 oder 7 Millionen Arbeitslosen und 2 Millionen Studenten gegenüberstehen": Leute mit "zunehmenden Neigung zu Tätlichkeiten", die es - man glaubt es kaum - "als ihr gottgewolltes Recht betrachten, von dem zu leben, was andere für sie aufbringen müssen".
Damit ist in Deutschland ein kritischer Punkt erreicht. Denn wenn der Gleichstand eines nicht mehr allzu fernen Tages zugunsten der Versorgungsempfänger kippen sollte, könnte das Land seine Zukunft hinter sich haben. Dann wird die Rentner- und Empfängermentalität die Politik bestimmen und Forderungen erheben, an denen die Machthaber nur bei Strafe des Machtverlusts vorbeikommen. Am Ende wird es allen schlechter gehen: allen, also nicht nur denen, die den maßlos gewordenen Hunger nach sozial genannter Gerechtigkeit stillen sollen, sondern auch den vielen anderen, die diesen Hunger entwickelt haben.
Diktatur des Prekariats droht
Das muss im wohlverstandenen Interesse der "vielen anderen" verhindert werden, der "maßlos gewordene Hunger" muss zum Wohle der Volksgesundheit auf das sozialdarwinistisch gebotene Maß, das noch einen Leistungsanreiz sicherstellt, zurückgeschraubt werden Dieser Gefahr demokratischer Selbstzerstörung muss vorgebeugt werden - vielleicht mit der Wiedereinführung des Drei-Klassen-Wahlrechts.

Wenn es gelingt, das Realitätsmonopol der irrealen Leistungsgesellschaft gegen die drohende Diktatur des Prekariats zu verteidigen, besteht noch Hoffnung: Die Zukunft des Landes ruht auf den Schultern der Jungend - und die "neue Generation denkt anders als ihre Eltern; die waren geprägt durch Gleichmacherei, Technikfeindlichkeit und Leistungsverweigerung. Dies hat unser Land auf eine schiefe Bahn gebracht", hat der (Stefan) Baron der neoliberalen Heilsbringer schon 2001 erkannt[6]. Freiheit, Selbstverantwortung und Leistungsbereitschaft sind mit der "Generation Praktikum" zurückgekehrt: "So ist die Wirklichkeit am Ende stärker als das Bild, das Menschen sich von Ideologien machen." Diesen positiver Befund verkündete der Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Und so können wir "auf eine Renaissance der Marktwirtschaft hoffen".

Wenn, ja wenn da nicht noch bedauerliche Reste der sozialdemokratischen Wohfahrtsstaats-Ideologie aus dem 19. und 20. Jahrhundert im kollektiven Bewußtsein der parasitären Mehrheit wären.

"Schmarotzerhafte Mitnahme-Mentalität"
Dagegen stemmt sich auch ein auf-rechter "WAZ"-Mann, seines Zeichens Chefredakteur des Flak-Schiffs der WAZ-Mediengruppe (Geschäftsführer ist der Schröder-Intimus Bodo Hombach), der an Hartz IV studiert hat, zu welchen "unerwünschten Verschiebungen bürgerlicher Moralvorstellungen fragwürdige Gesetze" führen können: "Stütze zu beziehen galt als Notausgang, es wurde zum tolerierten Regelfall. Das Gesetz hat nicht zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung geführt, sondern zur Entmündigung. Gefördert wurde eine schmarotzerhafte Mitnahme-Mentalität quer durch alle gesellschaftlichen Schichten, so weit, dass sich der redliche Geringverdiener schon fragen muß, warum er sich noch antut, jeden Tag pünktlich zur Arbeit zu gehen." (Ulrich Reitz, "Wenn Gesetze Schaden stiften", Kommentar in der Ausgabe vom 15./16.06.2006) Die erleuchteten Verkünder der neoliberalen Freiheitsbotschaft haben's aber auch nicht leicht: Da predigen sie jahrelang mit Engelszungen eine Strukturreform weg von der "sozialistischen Wärmestube", hin zu mehr Eigeninitiative - und was kommt dabei - eins, zwei, drei, vier - raus: entmündigte Sozialschmarotzer, mehr als je zuvor.

Nach eigener Erkenntnis vom "Geist der Geschichte" getragen, weiß der bürgerliche Baron aber: "Neoliberal ist nichts anderes als liberal - nur in der heutigen Zeit." Und die Liberalen, das weiß wiederum Guido Westerwelle, sind die "wirkliche Arbeiterpartei". "Was die neoliberalen heute wollen, ist nichts anderes als das, was die Liberalen seinerzeit wollten", dozierte Baron im "Presseclub"[7] "Seinerzeit", lernt der staunende Zuschauer, "haben die Lieberalen eigentliche dafür gekämpft - gegen die Fürstenherrschaft und dafür, dass die bürgerliche Gesellschaft entsteht, und dass die Industriegesellschaft kommt. Und heute kämpfen die Neoliberalen dafür - gegen den Soziialstaat, wehren sich sozusagen." Der Privatgelehrte im Öffentlich-Rechtlichen weiter: "Der Sozialstaat ist an die Stelle der Fürsten getreten und die Globalisierung an die Stelle der Industrialisierung."

So einfach kann Geschichte sein, wenn sie von den rechten Geistern erklärt wird. Und die Moral von der Geschicht: Traue einem Fürst und Baron nicht. Ecrasez l'infame!

Absurdes Theater aus dem Tollhaus
Die "Stimmungsmacher der Hartz-Gesellschaft"[8] sind auch an der TV-medialen Volks-Front im Einsatz. Dort schreitet die Christiansenierung des Gemeinwesens hoffnungsvoll voran - mit brutalst möglicher Aufklärung. Die Inszenierung des Show-Spiels "Die Verfolgung und Ermordung des gefräßigen Sozialstaats", dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospizes zu Berlin unter der Anleitung des Herrn de Saat-Zwietracht, nach dem bewährten Drehbuch "Das Opfer ist der Mörder" aus der Ferder der unerschrockenen Kämpfer für wahre Freiheit und Gerechtigkeit, ist in vollem Gange. Überbezahlte Darsteller sind die bekannten Figuren, die sich nicht nach dem deutschen Spargel bücken mögen und die arbeitsscheuen Abzocker, die auf unsere Kosten lustig das pralle Leben genießen. Ein Stück absurdes Theater aus dem Tollhaus - so recht nach dem Stammtisch-Geschmack die ideosynkratische Wut des rechtschaffenen und recht schaffenden Bürgers auf WELT-Niveau in Szene gesetzt.

Für das Thema des Dramas bei 'Sabine Christiansen' am Sonntag, den 28.05.2006, "Arm durch Arbeit, reich durch Hartz IV?", wurde mit folgendem Text geworben:

"Es klingt grotesk: Arbeitslose können unter günstigsten Umständen auf einen Stundenlohn von rund 12 Euro brutto kommen und damit deutlich mehr "verdienen" als manche Friseurin oder Leute am Bau. Viele Menschen stellten sich inzwischen auf "Sozialhilfe als Beruf" ein, wurde diese Woche von Experten auf dem Kirchentag kritisiert. Die Hartz-Reformen, die die Arbeitslosigkeit bekämpfen und den Sozialstaat abbauen sollten, verfehlen bisher ihr Ziel: Die Zahl der Arbeitslosen sinkt kaum, die Kosten aber explodieren.
In der Großen Koalition gebe es Streit darüber, ob das Hartz-Gesamtkonzept noch einmal überdacht und vor allem [sic] die staatlichen Zuwendungen weiter gekürzt werden müssten. "Wird Hartz, die Jahrhundert-Reform, zum Jahrhundert-Flop? Werden die 40% der Deutschen, die noch arbeiten und Steuern zahlen, 'abgezockt'? Geht es den Arbeitslosen immer noch zu gut?" Solche und ähnlich sachdienliche Fragen stellt die "Klofrau der Nation" (Georg Schramm) bar jeder irreführenden Realität den Politikern und anderen "Experten", damit die in der öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalt ARD ihre Sprechblasen entleeren können.

Es klingt nicht nur grotesk, es ist grotesk. Mehr noch: es ist obszön. In der brandstiftenden Biedermann-Logik der Talk-Geister im öffentlich-rechtlichen Raum mit ihrern aufklärerischen Vergleichen, die die grassierende Infamie mit aller ihnen zu Gebote stehenden intellektuellen Redlichkeit bekämpfen - gleichsam Erben Voltaires, nur dass dessen Ecrasez l'infame! sich gegen die Ehrlosen von heute, die "Sozialschmarotzer" (BILD) richtet - kann ein Angehöriger der neuen Berufsgruppe "unter günstigen Umständen" - wenn wir mal eine arbeitslose Familienministerin mit sieben Kindern hernehmen, statt der bevölkerungspolitisch ungesunden zwei, wie in der überzeugenden Rechnung für den Apfel-Birnen-Kompott unterstellt - leicht auf 20 Euro und mehr Stundenlohn fürs Nichtstun kommen.

Mehr Anstand wagen
Da muss - das sieht jeder brave Bürger sofort ein - im Interesse der "Friseurin" und der "Leute am Bau" gegengesteuert werden: "Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet." (Bundeskanzlerin Angela Merkel) Um das Lohnabstandsgebot zu wahren, müsste das Transfereinkommen - so darf man mit naturwissenschaftlich geschultem Verstand, als jemand, der vom Ende her denkt, schlußfolgern - tendenziell auf Null gesenkt werden, weil ja - wie wir von Deutschlands klügstem Professor wissen - nach dem Gesetz über den Faktorpreisausgleich der (markt-)gerechte Lohn sich ungehindert nach unten anpasst und so ein Gleichgewicht zwischen dem übergroßen Angebot und der knappen Nachfrage schafft.

Es darf ja schließlich nicht sein, dass "der Kommunismus siegt", wie der Zwischenrufer aus Berlin, Hans-Ulrich Jörges, brandmarkt: "Hartz IV ist das glatte Gegenteil dessen geworden, was es sein sollte: Ausbau statt Abbau des Sozialstaats. Arbeit wird verhöhnt, Nichtstun belohnt." [9]

Wie gut, dass da wenigstens der aktuelle (Stand: Juni 2006) Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Kurt Beck, noch weiß - wie auch sein Vorvorvorgänger Gerhard Schröder, der schon im September 2004 die "Mitnahmementalität" geißelte - was Anstand ist: "Es gibt Dinge, die macht man nicht." Und sein Vorvorgänger, der Vizekanzler Müntefering ergänzt: "Da sage ich: Das ist doch Wahnsinn."

Post Scriptum:
Ein Problem bleibt, selbst wenn die geistgesalbten Hohepriester und echophrasierenden Ministranten der neoliberalen Heilsleere die leitkulturelle Lufthoheit über den Stamm- und Kabinettstischen ausüben: die störende Anwesenheit der überflüssigen Mitesser in deutschen Landen, die den Anstand des Verzichts nicht kennen. Es besteht aber die berechtigte Hoffnung, dass ein sendungsbewußter Politikberater aus der "Schleimscheißermeile" (Tom Schimmeck) von Berlin-Mitte oder der Kommunismus-Experte aus dem Spree-Palais - wenn er seine historischen Studien vertieft und dabei vielleicht auf ein Wort Stalins stößt: "Keine Menschen, keine Probleme" - in einer Stern-Stunde der Erleuchtung sein "Heureka!" dazwischenruft: "No German, no cry!", das in Kombination mit Bibel und Bebel zeitgemäß adaptiert lauten könnte: "Wer nicht arbeitet, ist auch kein Deutscher."

Ein klitzekleines Problem bleibt dann zwar immer noch: wohin ausweisen? Aber es wäre doch gelacht, wenn sich nicht ein Denk-Panzer (Think-Tank) aufrüsten ließe, der, angetrieben mit den Mitteln einer Battlesman-Stiftung, einen Aus-weg findet: eine unbewohnte Wüstenregion etwa, die als "Freigesetzte Republik Terra Desideo" ausgerufen wird, sozusagen als der "faule Planet" auf Erden. Die Bundesagentur für Arbeit wird in ein denkmalgeschütztes Proletarium umgewidmet, dem ein florierendes Reisebüro angeschlossen ist, Werbebotschaft: "Fugiens laboris - Fliegen Sie mit der BA in das Land unserer Träume - Mit einem kostenlosen One-Way-Ticket".

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[1] Friedhelm Hengsbach: Arbeit und Brot, in: Frankfurter Rundschau vom 27.05.2006
[2] Katharina Schuler: Arbeit fürs Essen, ZEIT online, 10.05.2006 Müntefering will daran nicht mehr erinnert werden. Er erklärte am 02.06,2006 in der fraglichen SPD-Fraktionssitzung am 9. Mai habe er gesagt: "Unsere Vorfahren haben gesagt: 'Wer ...' Wir sagen das nicht mehr. Wir sagen Fördern und Fordern." Die SPD-Abgeordneten, die Münteferings Bebel-Bibel-Zitat gehört hatten, sind sich allerdings recht sicher, das anders gehört zu haben (taz, 03.06.2006)
[3] "Wer Hartz IV erhät, darf nicht nur herumgammeln", Interview mit Volker Kauder in der Süddeutschen Zeitung vom 31.05.2006
[4] Götz Eisenberg: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" - Zur Sub- und inneren Kolonialgeschichte der Arbeitsgesellschaft, in: Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg.): Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit
[5] Konrad Adam: Warum soll ich für Sie bezahlen?, DIE WELT, Leitartikel, 20.05.2006. Auf dieser Linie liegt auch der Stürmer-Kommentar vom 09.06.2006: Staatsbürger und Abzocker
[6] Gelungener Start, Festrede auf der Jubiläumsfeier zum 100-jährigen des Bundesverbandes Deutscher Volks- und Betriebswirte
[7] Das Erste, Presseclub, "Flickschusterei statt klarer Konzepte", Sendung vom 28.05.2006
[8] Jens König: Stimmungsmacher der Hartz-Republik, in: TAZ vom 31.05.2006
[9] Siehe die Zusammenfassung der Kommunismus-Warnung von uns Jörges auf der Christiansen-Seite und den Bericht über Stimmungsmacher der Hartz-Republik in der TAZ sowie den Offenen Brief "Herr Jörges und die Grenzen der Scham".


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