Der Wähler hat gesprochen und sein vernichtendes Urteil über die
Unionskanzlerkandidatin Merkel gefällt. Der Wähler hat auch die
Demoskopen vorgeführt und auch die vielen sich früher rot-grün
gerierenden Wendehälse unter den Journalisten, die den sicheren Sieg
Merkels seit Monaten antizipierten, und sich bereits voll dem
Neokonservativismus oder dem Neoliberalismus an den Hals geworfen
hatten.
In den letzten Tagen vor der Bundestagswahl waren, so schien es, vor
allem die Hauptstadt-Journalisten so gut wie alle Medien in ein heißes
Dostojewskisches Spielfieber verfallen und hatten bis zum Wahltag wie an
einem Roulettetisch abwechselnd und oft genug gleichzeitig ihre Chips
auf Rouge oder/und Noir gesetzt. Der Ich-Journalismus schlug Blüten. Die
Selbstdarstellung manch eines Journalisten, der sonst um den Anschein
von Distanz und Objektivität bemüht war, mündete in teils penetranten,
zur Schau gestellten Fragen an sich selbst, den Leser und Prominente:
Wen wählen Sie? Wen wählst Du? Wen wähle ich selbst? Wen soll, darf,
muss und kann man (noch) wählen?
Das Roulettekarussell drehte sich immer wilder und verrückter und jene
zunehmend mehr auf ihren persönlichen Gewinn spielenden Journalisten
schienen die Realität vor lauter Umfragen, Stimmungen und auch wegen der
selbst täglich neu geschaffenen, inflationären Medienwirklichkeiten mehr
und mehr aus dem Auge verloren zu haben. So gesehen hatte der sonst von
den Medien gestreichelte und gehätschelte Gerhard Schröder, der sich am
Wahlabend wie mit einem Wundermittel gedopt präsentierte, recht, als er
sich lautstark dahingehend verbreitete, dass einzelne Medienmacher ihre
Macht manipulativ missbraucht hätten. Sicher, ganz und gar unbewusst,
hatte es in der Tat einen kurzen Wahlkampf lang in vielen Medienköpfen
gemerkelt. Und jetzt die Ernüchterung: der Wähler hat das Roulettespiel
beendet und die Kugel auf die Null gelegt: Nix da Rouge mit ein bisschen
grün oder Noir mit ein bisschen gelb. Es scheint: Rien ne va plus.
Merkel hat gefloppt. ...
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