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Mittwoch, 18. Oktober 2006
Während Hans-Olaf Henkel noch das hohe Lied auf das "sympathische Dreieck" singt ("Die Globalisierung bringt Marktwirtschaft, Menschenrechte und Demokratie"), schlägt ein journalistischer Wegbereiter schon 'aufgeklärtere' Töne an. Gabor Steingart, apokalyptische Wellenreiter aus der Chefetage der Berliner Medienmanipulateure, der in zahlreichen SPIEGEL-Geschichten und zwischen zwei Buchdeckeln den "Abstoeg eines Superstars" herbeigeschrieben hat, entdeckt nun, dass Deutschland (und der Westen insgesamt) den "Weltkrieg um Wohlstand" nicht gewinnen kann, wenn wir im Wettlauf mit China und Indien weiter nach den Regeln des freien Marktes, der keine Regeln kennt, kämpfen wollten.
In einer Art Medienkooperation von F.A.Z. und SPIEGEL darf Steingart einen Witz von zwei barfüßigen Läufern, die um ihr Leben rennen, und einem gefräßigen Löwen erzählen. Der eine Gejagte hält plötzlich inne und zieht sich Turnschuhe an. Der andere fragt: Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du jetzt schneller bist als der Löwe? Nein, erwidert der Turnschuhträger, aber ich bin nun schneller als du. Steingart macht aus dem Witz eine Parabel, an die Adresse "der Reformer" gerichtet, die immer propagieren, im Zeitalter der Globalisierung, die durch den asiatischen Raubkatzen-Kapitalismus geprägt sei, müsse man halt schneller laufen lernen. Anachronismus, folgert der SPIEGEL-Fechter, sei kein Argument: Der Löwe muss gebändigt werden. Eine erstaunliche Erkenntnis für einen notorischen Reformeinpeitscher - auf den ersten Blick. Der neoliberale Zauberlehrling - die Not ist groß, die er rief, die Geister, wird er nun nicht los - sucht aber nur verzweifelt einen Schuldigen für die Entfesselung des Raubtiers - und findest ihn ironischer- und perfiderweise in der Gestalt jener Politiker, die seinen zeitgeistigen Reform-Sprüchen blind gefolgt sind:
"Was sich ändern muss, ist den Barfüßigen oft genug gesagt worden. Jetzt müsste ihnen verbindlich erklärt werden: Was bleibt? ... Damit richtet sich das Augenmerk der Politik erstmals auf den Löwen selbst. Der Raubkatzenkapitalismus aus Fernost hat die Spielregeln zu seinen Gunsten verändert und muss nun in die Schranken verwiesen werden. ... Es geht um nichts Geringeres als den Schutz unserer Wertewelt."Brot und Spiele. Der mediengewaltige Schachspieler treibt seine Figuren in die Arena: "Das Publikum will seine Politiker endlich kämpfen sehen - gegen die Löwen und nicht gegen sich selbst." Aber keine Angst: Die "Reformnotwendigkeiten" im Innerern bleiben davon unberührt. Es geht einfach nur darum, die fehlende Legitimation abzusichern. Steingart hat nämlich ein Patt ausgemacht zwischen der "Nicht mit mir"-Bewegung und der "Lauft schneller"-Partei, Und das könnte sich in die falsche Richtung auflösen, weil der Löwe Oskar Lafontaine, derm Fürsprecher aller Barfüßigen, die Menschen zutreibt. Und da macht sich ein äußerer Feind immer gut. "Das Volk ist doof, aber gerissen", hat Steingart bei Kurt Tucholsky gelernt. Aber so doof nun auch wieder nicht, um nicht die Gerissenheit der "aufgeklärten" Reformprediger zu durchschauen. "Es hat sich schon oft gezeigt, dass das Volk zwar kein großes Wissen besitzt, aber ein feines Gespür, auch für die politischen Notwendigkeiten", schreibt der selbsternannte Politikberater. Das gilt insbesondere für Aushilfsökonimen aus Berlin-Mitte. Trackbacks
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